Forsch!-Podcast: Was sich auf den Äckern ändern muss

Forsch!-Podcast: Was sich auf den Äckern ändern muss

In der zweiten Forsch!-Folge treffen BZ-Reporter Andreas Eberhard und Laura Franz (ForschungRegion Braunscheig) die Unkrautforscherin Dr. Lena Ulber vom Julius Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig. Sie sprechen über Unkraut und Chemie auf dem Acker und darüber, wie sich die Landwirtschaft verändern muss, um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten.

Lena Ulber bei der Aufnahme des Podcasts im Homeoffice. Foto: Lena Ulber.

Im Dialog mit Landwirt*innen

Die Artenvielfalt geht in Deutschland erkennbar zurück – eine Folge der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen. Der gesellschaftliche Druck auf die Landwirt*innen, ihre Äcker auf ökologisch verträglichere Weise zu bearbeiten wird daher immer größer. Die Unkrautforscherin Lena Ulber versucht im Rahmen ihrer Arbeit zu vermitteln. Das geschieht oft ganz konkret in Projekten, in denen die Wissenschaftler*innen des JKI gemeinsam mit den Landwirt*innen Versuche auf Äckern durchführen und überprüfen welche Maßnahmen zum Pflanzenschutz umgesetzt werden können. Dabei seien die Gespräche meist weniger spannungsgeladen als man erwarten würde, berichtet Ulber. Dass sich in der Landwirtschaft etwas ändern muss, um den Erhalt der Artenvielfalt zu sichern, hätten auch die Landwirt*innen mittlerweile erkannt. “Allerdings treffen hier zwei sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinander: Einerseits die Sicht der Landwirtschaft, die verständlicherweise auf ihren Flächen produzieren möchte und auf der anderen Seite die Erwartung der Gesellschaft und der Politik, dass das in einer umweltfreundlichen und biodiversitätsfördernden Weise geschehen soll”, erklärt die Unkrautforscherin. Daher sei es wichtig im Dialog zu bleiben und gemeinsam zu schauen, welche Maßnahmen umsetzbar sind und eine Wirkung erzielen und welche nicht. Den Landwirt*innen einfach die Schuld für den Biodiversitätsverlust in die Schuhe zu schieben findet Ulber falsch. “Das muss man als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen. Es gibt viele Akteure die da aktiv werden müssen und man kann nicht einfach von der Landwirtschaft erwarten, dass sie eine 180 Grad Kehrtwendung macht”, so die Wissenschaftlerin.

Unkrautforschung im Gewächshaus des Julius Kühn-Institut in Braunschweig. Foto: Arno Littmann / JKI.

Pflanzenschutzmittel im Fokus

Ein wichtiger Faktor beim Schutz der Artenvielfalt auf den Äckern sind Pflanzenschutzmittel. Darunter fallen z.B. Herbizide, also chemische Mittel, die gegen Unkräuter wirken. Sie bilden den Fokus von Ulbers Forschung. Herbizide wirken gezielt gegen bestimmte Unkräuter und verringern somit ihre Dichte auf dem Acker. Das wiederum führe zu einem Rückgang der Biodiversität, denn “die Unkräuter bilden im Agrar-Ökosystem die Basis. Sie sind das wichtigste Glied im System, weil sie viele verschiedene Funktionen erfüllen können”, so Ulber. Unkräuter können Wohnraum und Nahrung für Tiere und Insekten zur Verfügung stellen und hätten damit eine hohe Bedeutung für viele andere Organismengruppen in diesem Agrar-Ökosystem. 

Gleichzeitig schaden aber manche Unkräuter massiv den Kulturpflanzen und mindern als Folge den Ertrag. Ganz ohne chemische Pflanzenschutzmittel scheint es also nicht zu gehen. Sie könnten aber durch viele weitere Maßnahmen ergänzt und teilweise ersetzt werden, das würde auch Resistenzen vorbeugen, so Ulber. Mögliche Schritte könnten die Zunahme nicht-chemischer Maßnahmen, wie z.B. wechselnde Fruchtfolgen, die mechanische Unkrautkontrolle und eine intensivere Bodenbearbeitung sein. Allerdings müsse man sich dann auch viel präziser die Flächen angucken und schauen, was machbar ist: “Macht hier zum Beispiel mechanische Unkrautkontrolle Sinn? Kann ich hier pflügen, weil die Fläche keine Hangneigung hat. Für den Landwirt wird es komplexer, da er aus den vielen Maßnahmen diejenige aussuchen muss, die für seinen Acker eine hohe Wirksamkeit zeigen”, erklärt Ulber.

Lena Ulber liebt an ihrem Job besonders die Abwechslung: Zuerst sammelt sie Proben auf dem Forschungsacker und anschließend werden die gesammelten Daten im Labor ausgewertet und interpretiert. Foto: Annika Scherb / JKI.

Ein Balanceakt

“Die Herausforderung ist, eine Balance zu finden, sodass wir Unkräuter soweit fördern, dass wir von ihren ökologischen Leistungen profitieren können und andererseits zu vermeiden, dass sie einen zu massiven Einfluss auf den Ertrag oder die Qualität der Kulturpflanze haben”, fasst die JKI-Forscherin zusammen. Auch die Politik sei hier gefragt, indem sie zum Beispiel die EU-Agrarhilfen an die Erbringung der ökologischen Gemeinwohlleistung der Landwirte koppeln könnte – “eine Art Prämiensystem”.

Wie Lena Ulber außerdem in ihrem eigenen Garten mit Unkräutern umgeht und warum sie von Unkräutern und nicht Wildkräutern spricht, das erfahren Sie in dieser zweiten Folge von “Forsch”.

Der Podcast “Forsch! – Wissenschaft im Interview” ist eine Kooperation der ForschungRegion Braunschweig mit der Braunschweiger Zeitung. Die Moderator*innen Laura Franz (ForschungRegion Braunschweig) und Andreas Eberhard (Braunschweiger Zeitung) sprechen mit Akteur*innen der Region über ihre Forschung, ihre Person – und über aktuelle gesellschaftliche, politische und ethische Fragen und Debatten.

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