Im Interview: Prof. Dr. Joachim Block

Im Interview: Prof. Dr. Joachim Block

Prof. Dr. Joachim Block, der bis Januar 2020 auch Standortleiter des DLR in Braunschweig war, hat seit fünf Jahren den Vorsitz im Vorstand der ForschungRegion Braunschweig e.V. inne. Wir sprachen mit ihm über glückliche historische Zufälle, Gemeinschaftsgefühl und was die Expo 2000 in Hannover mit der Gründung des Vereins zu tun hat.

Prof. Dr. Joachim Block

Kurz zusammengefasst: Was genau ist die ForschungRegion? Wer oder was steckt dahinter und was sind ihre Ziele?

Die ForschungRegion ist der Zusammenschluss rund 30 namhafter Institutionen der Wissenschaft und Forschung der Region Braunschweig. Dazu gehören die vier Universitäten und Hochschulen, die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wissenschaftlich arbeitende Museen und Behörden der Ressortforschung. Die ForschungRegion ist das Netzwerk dieser Einrichtungen und ihre Kommunikationsplattform gegenüber der Stadt Braunschweig, den umliegenden Gebietskörperschaften sowie der Öffentlichkeit. Der Verein will die Forschung in der Region institutionenübergreifend fördern und im Bewusstsein der jeweiligen Zielgruppen sowie der Öffentlichkeit präsenter machen.

Wie kam es zu dem Zusammenschluss so vieler unterschiedlicher Forschungseinrichtungen, Universitäten, Museen usw.? Warum ist der Verein sinnvoll beziehungsweise wichtig?

All diese Institutionen waren schon in den 1990er Jahren und teilweise auch schon viel früher in der Region Braunschweig präsent, hatten aber zunächst kaum Verbindungen untereinander. Damals machten die heutigen Partner alle mehr oder weniger ihr eigenes Ding. Die Stadt und die Region Braunschweig wurden sich aber zunehmend ihres Profils als Wissenschaftsstadt bzw. Wissenschaftsregion bewusst und damit trat auch die Wichtigkeit der Forschungsinstitutionen für die Region mehr ins Bewusstsein, während zugleich der Charakter Braunschweigs als Industriestadt zunehmend in den Hintergrund trat. Initialzündung für das Zusammenfinden zur ForschungRegion war eine Ausstellung namens “fut(o)ur” im Zusammenhang mit der Expo im Jahr 2000 in Hannover. Die “fut(o)ur” war eigentlich dafür gedacht, den massenhaft erwarteten Besucherinnen und Besuchern in Hannover das Profil der Region Braunschweig hier in der Stadt zu zeigen. Zwar kamen nicht besonders viele Expo-Besucherinnen und Expo-Besucher nach Braunschweig, aber die Ausstellung hatte einen großen Effekt der Bewusstmachung auf die Braunschweiger Institutionen selbst. Durch die monatelange Vorbereitung wurden erste Kontakte geknüpft und die Erkenntnis gewonnen, dass man trotz aller Unterschiede in den Forschungsdisziplinen zusammengehört und gemeinsam den Charakter dieser Forschungsregion prägt. So kam die Idee diesen Zusammenschluss zu institutionalisieren und den Kontakt und die Zusammenarbeit aufrecht zu erhalten. Hieraus gründete sich 2004 schließlich die ForschungRegion Braunschweig als eingetragener Verein.

Ist es angesichts dieser breitgefächerten regionalen Forschungslandschaft überhaupt möglich, dass sich ein Gemeinschaftsgefühl einstellt? Wie gut funktionieren zum Beispiel die Vernetzung und die Bündelung von Kompetenzen untereinander?

Das Gemeinschaftsgefühl beruht allein auf der Feststellung, dass wir alle Forschungsinstitutionen dieser Region sind und dadurch gemeinsam ihren Charakter prägen, auch wenn wir inhaltlich alle etwas ganz anderes machen. Dafür braucht man auch keine Bündelung von Fachkompetenzen, es ist viel mehr das Gemeinschaftsgefühl, dass wir als Institutionen alle die Stadt und die Region mit unserer Wissenschaft und Forschung prägen.

Im Zusammenhang mit der Region Braunschweig wird häufig von “einer der forschungsintensivsten Regionen Europas” gesprochen. Was genau steckt dahinter? Wie lässt sich diese Forschungsintensität beschreiben?

Das ist natürlich ein relatives Maß, das oft missverstanden wird. Natürlich gibt es in Ballungsräumen wie München oder Berlin absolut gesehen mehr Institute und damit auch mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das relative Maß, von dem wir hier sprechen, beschreibt die Pro-Kopf-Ausgaben für die Forschung und da ist die Region Braunschweig ganz vorne mit dabei. Nach dieser Definition ist Braunschweig tatsächlich eine der forschungsintensivsten, wenn nicht die forschungsintensivste Region Europas. Aber natürlich sollte man mit solchen Superlativen immer vorsichtig umgehen.

Wie kam es, dass sich ausgerechnet in Braunschweig so viele Forschungseinrichtungen ansiedelten? Was macht den Standort so attraktiv für die Forschung?

Das ist zu einem guten Teil historischen Glücksfällen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg zu verdanken. Zwar gab es die Technische Hochschule, aber noch nicht diese Anhäufung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Ein Beispiel ist die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), deren Vorgängerin, die PTR, in Berlin ansässig gewesen war. Als die PTB sich anschickte, eine Bundesbehörde der noch jungen Bundesrepublik zu werden, empfahl sich die Verlegung ihres Hauptsitzes aus der bedrängten Viersektorenstadt in die Westzonen; nur Teile blieben in Berlin. Auf dem riesigen und unzerstörten, jetzt aber stillgelegten Areal der Deutschen Forschungsanstalt für Luftfahrt (DFL) in Braunschweig-Völkenrode fand die PTB eine neue Heimstatt, ebenso die Forschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL), Vorgängerin des heutigen Thünen-Instituts.  Als einige Jahre später die DFL wieder Luftfahrtforschung betreiben durfte, konnte sie das heutige DLR-Gelände am Flughafen in Waggum beziehen, wo sich durch die Einflussnahme des damaligen Verkehrsministers Seebohm auch die oberste Luftfahrtbehörde der Bundesrepublik, das LBA, ansiedelte. Ohne diese Entscheidungen gäbe es heute auch keinen Forschungsflughafen. Und so folgten in den darauffolgenden Jahren immer mehr Forschungseinrichtungen. Das waren alles schlichtweg glückliche Zufälle, niemand hatte das geplant. Ein kollektiver Glücksfall, könnte man sagen.

Woraus genau schöpft sich das Innovationspotenzial der ForschungRegion?

Das Innovationspotenzial schöpft sich zu einem großen Teil aus der Verbindung von grundlagenorientierter Forschung auf der einen Seite und industrieller Forschung und Anwendung auf der anderen. Da gibt es zum Beispiel die enge Zusammenarbeit vieler Institute mit Volkswagen, die eine Symbiose zwischen der reinen Wissenschaft und der industriellen Anwendung schaffen, in welcher sich das Innovationspotenzial der Region entfalten kann.

Sie hatten fünf Jahre lang den Vorsitz im Vorstand der ForschungRegion inne. In diesem Jahr endet Ihre Amtszeit und ein neuer Vorstandsvorsitz wird gewählt. Wie lautet Ihre Bilanz, sowohl persönlich als auch in Bezug auf das Netzwerk, wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken?

Als ich das Amt vor fünf Jahren von meinem Vorgänger, dem damaligen TU-Präsidenten Prof. Dr. Jürgen Hesselbach, übernahm, waren die Aktionsmöglichkeiten der ForschungRegion auf punktuelle Ereignisse beschränkt. Dies lag vor allem daran, dass das Beitragsaufkommen sehr gering war und die ForschungRegion daher kaum größere Eigenleistungen erbringen konnte. Herr Hesselbach hatte daraufhin noch in seiner Amtszeit eine Beitragsreform initiiert, die zum Beginn meiner Amtszeit in einem deutlich größeren Budget resultierte. Es hat allerdings einige Zeit gedauert bis man verstanden hatte, dieses Budget auch effektiv einzusetzen. So war es uns zum Beispiel möglich, im Rahmen der Bewerbung der TU um den Titel „Exzellenzuniversität“ die Aktion „Campus in Motion“ signifikant zu unterstützen und wir konnten beim 10-jährigen Jubiläum der „Stadt der Wissenschaft” einige Dinge aus eigener Kraft durchführen und finanzieren. Jüngst konnten wir eine Kooperation mit dem Haus der Wissenschaft in die Wege leiten, mit dessen Unterstützung wir nun verstärkt unsere Kommunikation nach außen weiter ausbauen werden.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wo steht die ForschungRegion in 10 Jahren?

Es ist klar, dass wir uns in Zeiten massiver Veränderungen befinden. Dies wird angesichts der aktuellen Coronakrise noch eindeutiger. Wenn diese Krise hoffentlich bald überwunden sein wird, wird man viele Dinge anders sehen, viele Gewichte ganz anders setzen und das wird sich sicherlich auch auf die Forschung auswirken. Ich glaube, dass die ForschungRegion insgesamt weiter an Bedeutung gewinnen und lernen wird ihre eigenen Ressourcen noch zielgerichteter einzusetzen. Daher bin ich überzeugt, dass die ForschungRegion noch eine lange und vielversprechende Zukunft vor sich haben wird.